Was sind Burnout und Depression?

Burnout wird oft als die neue Volkskrankheit bezeichnet, immer mehr Menschen erleiden einen Burnout. Doch ist es wirklich immer ein Burnout? In der Fachwelt wird intensiv diskutiert, ob Burnout eine eigene Diagnose ist oder es sich vielmehr um eine spezielle Form der Depression handelt. Depressionen zählen laut Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit (AU) in Unternehmen (60,2 AU-Tage pro Fall im Jahr 2019), aber auch Burnout führte zu einer alarmierenden Anzahl an AU-Tagen (36,8 AU-Tage pro Fall). Für Individuen bedeutet dies eine lange und schwere Phase im Leben, die durch Antriebslosigkeit, psychosomatische Beschwerden und ein höheres Infektionsrisiko geprägt sein kann. Mit steigenden AU-Tagen aufgrund psychischer Belastungen steigt auch das Interesse der Unternehmen an Präventionsmaßnahmen für Burnout und Depressionen. Dabei besteht wenig Konsens darüber, was das Phänomen Burnout grundsätzlich widerspiegelt und ob es sich überhaupt von einer Depression unterscheidet.

Was ist Burnout?

Um Burnout zu verstehen, kann die Analogie zu einem Akku helfen. Menschen verfügen genau wie Akkus nur über eine begrenzte Energie. Ist der Energiespeicher leer, muss „der Akku“ wieder aufgeladen werden. Auf stressige Phasen sollten also immer auch Erholungsphasen folgen, um den eigenen Energiespeicher wieder aufzufüllen. Zum Problem wird Stress erst dann, wenn ein „Memory-Effekt“ einsetzt, wenn also der Akku immer wieder entladen und kaum aufgeladen wird. Der eigene Energiespeicher schrumpft. Burnout entwickelt sich häufig aus andauernden Stresssituationen, deren Bewältigung mehrmals scheitert. Als Konsequenz kann sich das Stresssystem nicht (mehr) erholen und biologische Prozesse werden in ihrer Funktionsweise beeinträchtigt. Ist also das Stresslevel über eine längere Zeitspanne hoch, passt sich das Stresssystem dahingehend an, sodass bereits bei kleinen Stressoren ein hohes Maß an Stress empfunden wird. Daraus resultiert eine dauerhafte Aktivierung des Stresssystems, wodurch das Abschalten von der Arbeit und das Entspannen zunehmend schwerer fällt. Das wiederum beeinflusst soziales Verhalten und psychologische Prozesse. Es ist generell aber festzuhalten, dass Burnout nicht von heute auf morgen entsteht.

Wie äußert sich ein Burnout?

Das Phänomen Burnout setzt sich aus drei Dimensionen zusammen: Erschöpfung, Depersonalisation und reduzierte Leistungsfähigkeit. Der Begriff wird erstmalig in der aktualisierten Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) speziell für den Arbeitskontext aufgenommen. Erschöpfung ist der Kern eines Burnouts und gleichzeitig die Stresskomponente, also die direkte Reaktion auf die empfundenen Anforderungen, welche sich auf das Gefühl bezieht, überfordert zu sein und die eigenen Ressourcen zu erschöpfen. Um den hohen Arbeitsanforderungen und den damit verbundenen Stress standzuhalten, distanzieren sich Menschen kognitiv und emotional – z. B. von ihrer Arbeit. Die Depersonalisation ist also ein Versuch, mit den Arbeitsanforderungen und der Erschöpfung umzugehen und eine Art Grenze zwischen sich und der Arbeit zu schaffen. Damit werden allerdings alle Aspekte der Arbeit, auch positive, aktiv (aber oft unbewusst) ignoriert. Um diese kognitive Distanziertheit und Depersonalisation zu erreichen, wird eine gleichgültige, zynische Grundhaltung aufgebaut. Erschöpfung und Depersonalisation sind also dann stark ausgeprägt, wenn Arbeitsüberlastung und soziale Konflikte entstehen. Die letzte Dimension eines Burnouts, die reduzierte Leistungsfähigkeit, resultiert eher aus dem Fehlen von relevanten Ressourcen. Eine von hohen Anforderungen geprägte Arbeitssituation trägt also zur Erschöpfung und zur Depersonalisation bei, was dann leicht dazu führen kann, dass das Gefühl von Wirksamkeit abgeschwächt wird, sollten nicht genügend relevante Ressourcen vorhanden sein.

Was sind Depressionen?

Im Vergleich zum Burnout kennzeichnen sich Depressionen zum Beispiel durch Niedergeschlagenheit, Interessens- und Freudverlust, Müdigkeitsgefühlen und einem geringen Selbstwert. Die Symptome müssen laut WHO mindestens über einen Zeitraum von zwei Wochen auftreten, um von einer Depression sprechen zu können. Im Gegensatz zu Burnout ist die Depression in den gängigen Klassifikationssystemen von (psychischen) Krankheiten (z. B. ICD von der WHO) als eigenständige Diagnose anerkannt.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede zwischen Burnout und einer Depression?

Burnout (Maslach, Schaufeli & Leiter, 2001)

Depressionen (WHO, 2017; APA, 2013)

–       Erschöpfung

–       Zynische Einstellung (Depersonalisation, Distanziertheit)

–       Reduzierte Leistungsfähigkeit

–       Niedergeschlagenheit

–       Interessens- und Freudverlust

–       Müdigkeitsgefühle

–       Geringer Selbstwert, Schuldgefühle

–       Gestörter Appetit

–       Schlafstörungen

–       Konzentrationsschwierigkeiten

–       Gewichtsverlust oder -zunahme

–       Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung

–       Suizidgedanken oder -versuche

Bianchi et al. (2021) haben den Zusammenhang zwischen den Symptomen von Depressionen und den Dimensionen von Burnout – Erschöpfung, Depersonalisation und reduzierte Leistungsfähigkeit – untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass Erschöpfung stärker mit Symptomen einer Depression zusammenhängt als mit den beiden anderen Dimensionen des Burnouts (Distanziertheit und Unwirksamkeit). Erschöpfung scheint also eine Gemeinsamkeit von Burnout und Depression zu sein. Es deutet allerdings vieles darauf hin, dass Erschöpfung eher eine Bedingung für Depressionen darstellen könnte. Man könnte also sagen, das „Kernstück“ eines Burnouts, die Erschöpfung, ist von depressiver Natur.

Aufgrund der wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich also schlussfolgern, dass Burnout kein einheitliches Syndrom ist – wie eine Depression, sondern eher als eine arbeitsbezogene Depression angesehen werden kann.

Ein Beitrag von Viviane Rudi.

 

Weiterführende Literatur

American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5. Aufl.).

Bianchi, R., Verkuilen, J., Schonfeld, I.S., Hakanen, J.J., Jansson-Fröjmark, M., Manzano-García, G., Laurent, E., & Meier, L.L. (2021). Is Burnout a Depressive Condition? A 14-Sample Meta-Analytic and Bifactor Analytic Study. Clinical Psychological Science, 1-19. 

Grobe, T. & Bessel, S. (2020). Gesundheitsreport 2020 – Arbeitsunfähigkeiten (1. Aufl., Bd. 1). Techniker Krankenkasse.https://www.tk.de/resource/blob/2081662/6382c77f2ecb10cc0ae040de07c6807f/gesundheitsreport-au-2020-data.pdf

Maslach, C., Schaufeli, W.B., & Leiter, M.P. (2001). Job Burnout. Annual Review of Psychology, 52(1), 397-422.

Van Dam, A. (2021). A clinical perspective on burnout: diagnosis, classification, and treatment of clinical burnout. European Journal of Work and Organizational Psychology.

World Health Organization. (2017). Depression and other common mental disorders: Global health estimates. https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/254610/WHO-MSD-MER-2017.2-eng.pdf